Verschwindibus.

Neben dem obligatorischen “Schwarzen Mann” und dem rasenden Schneider aus dem Struwwelpeter hatte ich in meiner Kindheit eine Zeitlang wirklich wahnwitzige Angst vor einem sinistren Typen namens “Hatschi Bratschi”: Das war ein fieser Morgenländer, der mit seinem Heißluftballon über der Erde schwebte und mit seinem Fernrohr nach unschuldig herumlaufenden Kindern ohne elterliche Begleitung Auschau hielt. Diese kidnappte er dann und lieferte sie an grässliche Menschenfresser aus; die armen Eltern erfuhren niemals, was aus ihren Sprösslingen geworden war.

Das Thema des plötzlichen und rätselhaften Verschwindens fasziniert mich übrigens heute mehr denn je. Und mit “rätselhaftem Verschwinden” meine ich weder Personen, die sich später als Verbrechensopfer entpuppen oder nach Monaten, Jahren oder Jahrzehnten irgendwo unter anderer Identität irgendwo gefunden werden – weil sie aus diversen Gründen einfach abgehaut sind.

Ich meine damit die abolut rätselhaften, teilweise absurd anmutenden Vermisstenfälle, wo Menschen binnen einer Zehntelsekunde plötzlich “nicht mehr da” sind und auch nie mehr gefunden werden. Es sieht so aus, als ob es in unserer Welt irgendwelche unsichtbaren Löcher geben würde, in die man hineinstürzen kann (keine Ahnung, wo man da rauskommen könnte, falls überhaupt).

Ich gebe mich ja nicht einmal mit dem berühmten “Zigaretten holen” und damit einhergehenden Verschwinden zufrieden. Viel spannender finde ich da zum Beispiel den Fall Martha Wright aus dem Jahr 1975. Jackson und Martha Wright fuhren eines Tages von New Jersey zurück zu ihrem Wohnort New York durch den Lincoln-Tunnel; nach dem Durchqueren des Tunnels hielt das Ehepaar am Pannenstreifen, da die Scheiben ihres Wagens stark verschmutzt waren. Beide stiegen aus, Jackson wollte die Frontscheibe säubern, während Martha die Reinigung der hinteren Fenster übernehmen wollte. Als sich Jackson zu ihr umdrehte, war sie allerdings verschwunden – binnen des Bruchteils einer Sekunde sozusagen. Davonlaufen war an dieser Stelle der Stadtautobahn nicht möglich, ausserdem hätte Jackson es bemerkt – was auch einen Unfall oder einen anderen Wagen ausschließt, der Martha mitgenommen haben könnte. Die Polizei suchte den Tunnel sowie dessen nähere Umgebung ab – ohne Ergebnis; das Verschwinden von Martha Wright ist bis heute ungeklärt und auch völlig unerklärbar.

Ein Lieblingsfall von mir ist auch das Verschwinden des pensionierten Matrosen Owen Parfitt aus dem Vorgarten seines Hauses in Shepton Mallet in Somerset, England im Jahr 1763. Besonders unerklärlich, da Parfitt nach einem Schlaganfall bewegungsunfähig und somit vollkommen hilflos war. Parfitt, der Gerüchten nach in früheren Lebensjahren auch als Pirat tätig gewesen sein soll, wurde von seiner älteren Schwester gepflegt. Sie machte ihm auch den Haushalt und wohnte in seinem Haus, vor dem er an sonnigen Nachmittagen in seinem Sessel mit einem Nachthemd und einem alten Seefahrermantel bekleidet ein Nickerchen machte. Und an eben so einem Nachmittag verschwand Parfitt spurlos. Eine Freundin seiner Schwester kam vorbei, um dieser beim Transport des Patienten in sein Bett behilflich zu sein und bemerkte, dass der Sessel leer war, bloß der Mantel lag noch darauf.

Eine unbemerkte Entführung war unmöglich, da auf den umliegenden Feldern überall Arbeiter beschäftigt waren, die eine gewalttätige Aktion sofort bemerkt hätten. Eine genaue Untersuchung des Falles inklusive genauer Spurensuche ergab – nichts. Parfitt hatte sich anscheinend in Luft aufgelöst. Im Jahr 1813 wurde das Haus im Zuge eines Verkaufs renoviert und dabei fand man hinter dem Kamin ein “verkrüppeltes Skelett” – die Presse erhielt Wind davon und verkündete den “Fall Owen Parfitt” für gelöst. Eine genaue Untersuchung durch einen Gerichtsmediziner ergab allerdings, dass es sich bei dem makabren Fund um das Skelett einer jungen Frau handelte. Nun hatte man statt einem Rätsel gleich zwei: Wer war die junge Frau und welchem Verbrechen war sie zum Opfer gefallen? Falls Owen Parfitt davon gewusst hatte (was anzunehmen ist), hat er sein Geheimnis mit in eine andere Dimension genommen, denn weder das offensichtliche Verbrechen noch das Verschwinden des Querschnittgelähmten konnten trotz zahlreicher weiterer Untersuchungen (die letzte davon im Jahr 1933) jemals aufgeklärt werden.

Das Haus der Familie Williamson (Fotografie von 1950)

Das Haus der Familie Williamson (Fotografie von 1950)

Und damit zur Königsklasse des mysteriösen Verschwindens: Einer der rätselhaftesten und auch grusligsten Fälle aller Zeiten ereignete sich im Juli 1854 in Selma, Alabama. An einem sonnigen und heißen Nachmittag diesen Jahres saß der Bauer Orion Williamson mit seiner Frau und seinem Sohn auf der Veranda seines Hauses. Er blickte zu der Koppel, auf der seine Pferde grasten, stand auf, erklärte, er müsse dem Aufseher der Ranch etwas mitteilen und spazierte in Richtung der Koppel über das dazwischenliegende Feld.

Das sah nicht nur seine Familie, sondern auch von der anderen Seite des Grundstücks aus sein Nachbar Armour Wren, der mit seinem Sohn James in einer Kutsche von Beschäftigungen in der nahegelegenen Stadt zurückkehrte. Sie winkten Williamson zu, dieser winkte zurück – und verschwand im selben Moment spurlos. Wren und sein Sohn sprangen aus der Kutsche und liefen über das Feld (sie dachten vermutlich, der Bauer sei in ein Erdloch oder einen Spalt gestürzt), doch weder war an der Stelle, wo Williamson zuletzt gestanden hatte, ein Loch zu sehen, noch ein anderer Hinweis darauf, was mit ihm passiert sein könnte.

So ungefähr dürfte auch die Suche nach Williamson abgelaufen sein - leider ohne Erfolg

So ungefähr dürfte auch die Suche nach Williamson abgelaufen sein – leider ohne Erfolg

In den nächsten Tagen suchten bis zu 300 Freiwillige Tag und Nacht nach Williamson – jeder Zentimeter des Bodens wurde genau untersucht (sogar ein Team von Geologen wurde angefordert) – nichts; der Bauer war und blieb verschwunden. Im Jahr darauf beobachtete man an der fraglichen Stelle ein sehr eigenartiges Phänomen: Ein Kreis hatte sich gebildet, innerhalb dessen das Gras verdorrt und verbrannt aussah. Viel später gestand Williamsons Gattin einem Reporter ein weiteres seltsames ebenso wie herzzerreißendes Phänomen: Viele Tage nach seinem Verschwinden noch war die Stimme ihres Mannes am Feld zu hören – verzweifelt rief er nach Hilfe, seine Stimme schien aber jedesmal aus einer anderen Richtung zu kommen, sein Standort war nicht zu ermitteln. Die verzweifelte Familie schlief sogar am Rande des Felds und versuchte, auf seine Hilferufe zu reagieren. Nach einiger Zeit war nur mehr ein Flüstern zu hören und danach verstummte die Stimme des Verschwundenen für immer.

Ambrose Bierce

Ambrose Bierce

Der Fall Orion Williamson war natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse und einer der Journalisten, die das Feld selbst untersuchten und Interviews mit allen Beteiligten führten, war der berühmte Autor Ambrose Bierce. Bierce, den ich in meiner Jugend durch diverse Suhrkamp-Editionen kennen und lieben lernte, war zu seiner Zeit mindestens so berühmt wie Mark Twain (und mindestens so verrückt wie Edgar Allan Poe), heute ist er eher nur mehr unter den Fans seiner bizarren Horrorstories geschätzt.

Das Verschwinden von Orion Williamson scheint übrigens tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, da ein nicht unwesentlicher Teil seiner Prosa sich mit Fällen von mysteriösem Verschwinden beschäftigt. Die Krone der Absurdität ist übrigens, dass auch Ambrose Pierce spurlos verschwand, und zwar im Jahr 1913. Mit über 70 Jahren reiste er als Kriegsberichterstatter nach Mexiko, um die Revolution von Pancho Villa hautnah mitzuerleben und gilt seitdem als verschollen. Wurde er umgebracht und verscharrt? Bis heute gibt es dafür keinen Beweis.

Mexikanischer Revolutionär: Pancho Villa (links)

Mexikanischer Revolutionär: Pancho Villa (links)

Was also passiert mit jenen Menschen, die sich, oftmals vor den Augen von Zeugen, von einem Moment zum nächsten scheinbar in Luft auflösen? Überlappen sich da verschiedene Dimensionen, bilden ein temporäres Portal und schleudern jenen Unglücklichen binnen des Bruchteils einer Sekunde in einen anderen Raum, in eine andere Zeit? Oder ist es doch der eingangs erwähnte Hatschi Bratschi mit seinem Luftballon? Wir werden es nie erfahren -  aber, seien wir ehrlich, das ist ja auch das unglaublich Reizvolle daran.

Dr. Nachtstrom

***

Für alle, die mindestens ebenso süchtig sind wie ich, gibt es da ein wunderbares Ebook von Troy Taylor, “Without a Trace”, das als Inspiration für diesen Artikel gedient hat. Kann man hier bestellen.

Posted on March 4, 2013, in Mysteriöses and tagged , , , , , . Bookmark the permalink. 2 Comments.

  1. Moin!
    Naja, die Quantenphysik hat da inzwischen einige Eklärungsangebote, nämlich zum Beispiel das der parallelen Wahrscheinlichkeiten. Nach der erfolgreichen Suche nach dem Higgs-Bosom sind die Forscher da noch einen Schritt weiter und bestätigen Theorien, dass ganze Universen einfach verschwinden könnten.
    Ich selbst fand das Problem sehr interessant und habe die Details versucht in einer Romanreihe auszuloten, sozusagen der “Praxistest”. *g*
    (www.hueter-der-Wahrscheinlichkeit.de)
    Ihre Auflistung ist eine sehr schöne Recherche und hat mir sehr gefallen.
    Schöne Grüße von der Nordseh.
    Manfred Jelinski
    (Ihren Link hat mir ein Freund rübergereicht. Ich überlege grade, ob ich Ihre Seite nicht verlinke, sie ist wirklich schön.)

  2. Lieber Herr Jelinski! Ich danke vielmals für die Anregungen, die Möglichkeit, dass da gleich ganze Universen “verschwinden” könnten, finde ich allerdings sehr unheimlich :-) Die Frage ist ja nach wie vor, wohin? Danke für das Kompliment, würde mich freuen, wenn wir uns verlinken!
    Liebe Grüsse, Doc

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